Wenn liebevolle Zuwendung von Kindern gegenüber Kleineren umschlägt

Ein dreijähriges Kind gibt der einjährigem Schwester die Flasche. Es ist dabei sehr liebevoll. Plötzlich drückt es die Flasche so fest in den Mund der Kleinen, dass die Schwester anfängt, vor Schmerzen zu schreien. Die Mutter ist erschrocken. Sie fragt sich, ob der Dreijährige nun gegenüber der Schwester aggressiv ist, vielleicht verborgen, und dies nun in seinem Verhalten zum Ausdruck kommt.

Dieser Hintergrund kann existieren, doch dieser Spur sollte man erst nachgehen, wenn solches Verhalten sich wiederholt. Meistens ist es nur Ausdruck unbeholfener Maßlosigkeit. Manche Kinder sind sehr liebevoll gegenüber Geschwistern, vor allem kleineren, doch sie wissen nicht, wie sie diese Liebe ausdrücken können. Oft haben sie kein Maß für ihre Zuwendung, für ihr Zugewandsein.

Manchmal hatten sie kein gutes oder ausreichendes Vorbild. Oft waren ihnen die Eltern zu wenig ein Gegenüber, manchmal gab es bei den Eltern sehr unterschiedliche Erziehungsstile. Wenn Kinder keine Vorbilder erleben für das Maß der Zuwendung, für das Maß liebevoller Begegnung, kann das umschlagen in Übergriffigkeit.

Diese Kinder brauchen keine Strafen und kein Anti-Aggressionstraining. Sie brauchen andere Menschen, die ihnen Vorbild sind, die sich mit ihnen als ein Gegenüber reiben, die ihnen erklären, zeigen, vormachen, wie liebevoll Zuwendung geht.

Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. angelika

    lieber herr baer,
    ich kann mich daran erinnern, dass ich meiner kleinen schwester in die faust gebissen habe, aus zuneigung. sie hat das natülich nicht so empfunden und geweint.
    meine erinnerung an diese situation ist sehr klar: ihr kleine fäuste waren so niedlich, dass ich sie ganz vorsichtig mit meine zähnen versuchte zu berühren (sozusagen daran knabbern wollte), und weil ich sie soooo gern hatte, biss ich fester zu. ich wollte ihr aber nicht wehtun. diese situation kommt mir immer in den sinn.
    herzliche grüße,
    angelika

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