Das Erpressungs-Gegenüber

Kinder erfahren oft: „Ich bin nur nett zu dir, wenn du dich anständig verhältst“. Oder sie hören: „Ich nehme dich nur wahr, wenn du mich lieb hast“. Manchmal braucht es auch keine Worte, um solche Druck- und Erpressungssituationen herzustellen. Oft reichen Blicke, der Tonfall oder Gesten. In jedem Fall werden Kinder, die mit Erpressungs-Gegenübern Erfahrungen machen, nur von ihrem Gegenüber wahrgenommen und respektiert, wenn sie bestimmte Leistungen erbringen. Schule und oft auch Kindergärten sind Orte, an denen bestimmtes Verhalten und vor allem Leistungen gefordert werden. Dass ist selbstverständlich und normal. Die große Frage ist, wie dies geschieht.

Wenn Kinder klare Ansagen einschließlich Zurückweisungen erfahren, die im Kontext mit erbrachten oder geforderten Leistungen stehen, dann muss dies nicht die Identität beschädigen. Es gibt aber zwei Konstellationen, in denen dies der Fall ist:

 

Die erste besteht darin, dass ein kritisches Gegenüber sich nicht auf die konkrete Leistung oder das konkrete Verhalten bezieht, sondern auf die Person des Kindes. Dann entsteht bei diesen Kindern, wenn diese wiederholt solche Erfahrungen machen, eine Abwertung des Selbstbildes. Aus „ich mache etwas falsch“ wird: “ich bin falsch“. Äußerungen, die Kritik verallgemeinern, z. B. durch Formulierungen wie „du schon wieder“ oder „mal wieder“ oder „wie immer“, tragen dazu bei und sollten deshalb möglichst vermieden werden.

 

Eine zweite Situation, in denen kritisches Verhalten identitätsbeeinträchtigend wirkt, kann daraus erwachsen, dass ein Kind in Atmosphären des Erpressungs-Gegenübers groß geworden ist und solche Erfahrungen mit Eltern oder anderen nahestehenden Personen wiederholt machen musste. Ist ein derartiger Boden bereitet, kann das dazu führen, dass jede noch so konkret gemeinte kritische Äußerung „vernichtend“ oder „zerstörend“ wirkt. Hier brauchen Kinder die wiederholten neuen Erfahrungen, dass mit konkreter Kritik an Verhalten oder an Leistungen nicht die Person gemeint ist, sondern wirklich nur das konkrete Verhalten. Dies bedarf der Klärungen und oft wiederholter Äußerungen, damit dies bei dem Kind ankommt und vor allem über den Augenblick hinaus Boden findet.

Udo Baer

Dr. phil. (Gesundheitswissenschaften), Diplom-Pädagoge, Kreativer Leibtherapeut AKL, Mitbegründer und Wissenschaftlicher Berater der Zukunftswerkstatt therapie kreativ, Wissenschaftlicher Leiter des Instituts für soziale Innovationen (ISI) sowie des Instituts für Gerontopsychiatrie (IGP), Vorsitzender der Stiftung Würde, Mitinhaber des Pädagogischen Instituts Berlin (PIB), Autor

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Brigitte Steinhardt

    Hallo,
    meine Mutter strafte mich mit Nicht-mit-mir-Reden und ‚willst Du wieder lieb sein?‘ als ich 3 Jahre alt war. Sie war abwesend und mein Vater fuhr mit mir in Urlaub mit seiner Geliebten. Ich glaube das hat meine Beziehungswelt merkwürdig beeinflusst. Ich wünsche mir einen Partner und bin allein, jetzt 61 Jahre alt.
    Ich war in Hannover auf einem Vortrag, bin Ergo- und Kunsttherapeutin.

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