Trennung und Scheidung aus bindungstheoretischer Sicht (Teil1) “ Was geht in Kindern und Eltern vor“

Vorbemerkung zur vierteiligen Serie zum Thema „Trennung und Scheidung“

Jedes Jahr lassen sich in Deutschland etwa 160.000 verheiratete Paare scheiden, womit laut Mikrozensus jährlich etwa 130.000 bis 140.000 minderjährige Scheidungskinder neu dazukommen. Und da Trennungskinder von Eltern ohne Trauschein in den amtlichen Statistiken nicht auftauchen, dürfte die Anzahl der betroffenen Kinder und Jugendlichen noch wesentlich höher liegen. Das wären dann jährlich in etwa so viele Scheidungskinder wie eine mittlere Großstadt in Deutschland Einwohner hat. Obwohl mit dieser hohen Anzahl von Kindern und Jugendlichen, die mit der Trennung ihrer Eltern oftmals eine traumatische Erfahrung verbinden, immer auch eine besondere erzieherische Herausforderung mit ungewissem Ausgang für ihre Eltern verbunden ist, liegen erstaunlich wenige wissenschaftliche Studien vor, wie sich die Trennung der Eltern auf ihre Kinder auswirkt und mit welchen, auch langfristigen Folgen zu rechnen ist. Hinzukommen Erzieherinnen und Lehrer, die nur über wenige Kenntnisse darüber verfügen, wie sie in Kita und Schule Kindern, deren Eltern sich gerade getrennt haben, professionell zu Hilfe kommen können. Auch beschäftigen sich die bestehenden Untersuchungen und Veröffentlichungen häufig nur mit der Sicht der Eltern, zum Beispiel, wenn es um geeignete Betreuungsmodelle geht, und die Erlebniswelt der Kinder, die doch das schwächste Glied in diesem Geschehen darstellen, gerät oft in den Hintergrund.

In vier Teilen will ich mich deshalb aus bindungstheoretischer Sicht etwas ausführlicher mit dieser Thematik befassen. In den ersten beiden Teilen wird es darum gehen, die Kenntnisse darüber zu vertiefen, was in den Kindern und ihren Eltern bei Trennung und Scheidung vor sich geht. Dem schließt sich im dritten Teil die Frage an, ob und welche Langzeitwirkungen die Trennung der Eltern für Kinder und Jugendliche haben kann. Im vierten und letzten Teil geht es schließlich um die aktuelle Diskussion darüber, welches Aufenthaltsmodell für Kinder getrennter Eltern das Beste ist. Wer mehr darüber lesen möchte, wie Eltern die Trennungssituation gemeinsam mit ihren Kindern am besten bewältigen und über Schutzfaktoren, die Kindern und Jugendlichen weiterhelfen, verweise ich auf mein zusammen mit dem Familienrichter Christoph Strecker geschriebenes  Buch „Kindern bei Trennung und Scheidung helfen. Psychologischer und juristischer Rat für Eltern“, dessen vierte Auflage kürzlich im Beltz Verlag erschienen ist.

 Was geht in den Kindern vor?

(mehr …)

WeiterlesenTrennung und Scheidung aus bindungstheoretischer Sicht (Teil1) “ Was geht in Kindern und Eltern vor“

Halt geben statt Grenzen setzen

Es scheint zurzeit sehr in Mode zu sein, Mauern zu bauen, Sperrzäune zu errichten oder Grenzen wieder enger zu ziehen. Egal, ob Trump sein Bauwerk gegen illegale Einwanderer aus Mexiko errichten lassen will, die EU versucht, sich mit Stacheldraht unerwünschten Flüchtlingen aus Nordafrika zu erwehren oder Rechtspopulisten wieder überall Grenzpfähle aufstellen und Grenzen ziehen möchten, immer geht es ihnen darum, sich vor schädlichen Einflüssen, die von außen kommen, „schützen“ zu wollen. Als würde ein „Feind“ vor der Tür stehen. Was sich hier in der großen Politik abspielt, soll nun auch vor der Erziehung unserer Kinder nicht Halt machen, zumindest sehen das manche so. Das Kind als natürlichen Feind.

(mehr …)

WeiterlesenHalt geben statt Grenzen setzen

Strenge Erziehung schadet der Schulleistung!

Eine gute Bindung zu den primären Bezugspersonen wirkt sich auch in der Schulzeit positiv auf die Schulleistungen von Kindern und Jugendlichen aus. Es hat damit zu tun, dass ihr Selbstwertgefühl von Geburt an gefördert wird, wenn man ihnen auf ihre ersten Zeichen, Gesten und Worte feinfühlig antwortet und ihnen damit das Gefühl gibt, anerkannt zu werden. So fühlen sie sich angenommen und empfinden sich als wertvoll. Anerkennung des Kindes – „So, wie du bist, nehme ich dich an“, „So wie du bist, bist du wertvoll für mich“ – verleiht ihm innere Stärke und Durchhaltevermögen, auch dann, wenn es darum geht, später einmal schwierige Aufgaben in Angriff zu nehmen und sich nicht vor ihnen wegzuducken.

(mehr …)

WeiterlesenStrenge Erziehung schadet der Schulleistung!

Die WLAN-Puppe im Kinderzimmer? Bindungstheoretische Überlegungen zu interaktivem Spielzeug (Teil 2 von 2)

Eines ihrer schönsten Spiele besteht für Kinder schon ab zwölf Monaten, spätestens ab zwei Jahren und aufwärts darin, sich mit ihrer Puppe, ihrem Bären oder einem anderen Plüschtier zu unterhalten. In diesem Dialog kommt alles zum Tragen, was sie bisher – u. a. auch aus der Bindungssituation zu ihren Eltern – gelernt und erfahren haben. Da wird geliebt, ermahnt, gefüttert, umarmt, gedroht und geknuddelt, d.h. der ganze Kosmos eines Kinderlebens wird zur Geltung gebracht und kann dialogisch buchstäblich zur Sprache gebracht werden. (mehr …)

WeiterlesenDie WLAN-Puppe im Kinderzimmer? Bindungstheoretische Überlegungen zu interaktivem Spielzeug (Teil 2 von 2)

Die WLAN-Puppe im Kinderzimmer? Bindungstheoretische Überlegungen zu interaktivem Spielzeug (Teil 1 von 2)

Künstliche Intelligenz – ein Begriff, der den bezeichneten Sachverhalt ganz gut trifft – hält zunehmend Einzug ins Kinderzimmer, egal ob es sich um Lerncomputer mit Kamera und Bewegungssensor für 5-Jährige und ältere Kinder handelt, um vernetzte Spielzeuge oder Apps für die Allerkleinsten.

(mehr …)

WeiterlesenDie WLAN-Puppe im Kinderzimmer? Bindungstheoretische Überlegungen zu interaktivem Spielzeug (Teil 1 von 2)

Gastbeitrag von Herbert Renz-Polster: Frühpädagogik – wer macht da eigentlich die Ansagen? *

Ein Beispiel aus dem Bayerischen Bildungsplan

*Aus „kinderleicht“, 3, 2016, mit freundlicher Genehmigung von Herbert Renz-Polster

Wie unser Menschenbild als ganzes, so ist auch unser Bild vom Kind eine beständige Baustelle. Ein Blick in die Geschichte verdeutlicht das:  Zu Zeiten unserer Groß- und Urgroßeltern sah man kleine Kinder in einem eher pessimistischen Licht. Babys seien als unberechenbare Triebnaturen geboren, die von den Eltern und der Gesellschaft zurechtgestutzt werden müssten.  Durch strenge Zucht müssten sie „zivilisiert“ und für das Erwachsenenleben gehärtet werden. Dieses düstere Bild vom einzuhegenden Triebkind kam, natürlich, nicht von ungefähr: für die meisten Erwachsenen verlief das Leben damals in mehr oder weniger fremdbestimmten Positionen. Entsprechend war die Erziehung auf die Vermittlung von Disziplin, Gehorsam, Manieren und Regelmäßigkeit gerichtet. Insbesondere der „Eigensinn“ des Kindes wurde hart angegangen – in einer auf Befehlsketten aufgebauten Gesellschaft war der gewiss nicht erwünscht. Kein Wunder, dass es in den Kinderstuben streng zur Sache ging: das Kind sollte in körperlicher Distanz und nach klaren Vorgaben behandelt werden, die nicht ohne Grund an den Alltag beim Militär und in der damaligen industriellen Fertigung erinnern: gestillt und gegessen wurde nach der Uhr, nachts galt eine unbedingt einzuhaltende 8-stündige Kontaktsperre, und die „frühe Sauberkeit“ galt als wichtigster Ausweis der gelungenen Zähmung des Babys.[1] (mehr …)

WeiterlesenGastbeitrag von Herbert Renz-Polster: Frühpädagogik – wer macht da eigentlich die Ansagen? *

Gastbeitrag von Jesper Juul: Gewalt und Radikalisierung vermeiden – eine Anleitung*

*Aus dem Schweizer Elternmagazin, mit freundlicher Genehmigung von Jesper Juul

Wie Aggression, Gewalt und potenzieller Radikalisierung in Kindergärten und Schulen vorgebeugt werden kann, erklärt der renommierte dänische Familientherapeut Jesper Juul in diesem Fachartikel für Experten. Ein exklusiver Beitrag, der auch Eltern wichtige Einblicke in eine hochaktuelle Thematik gibt.

Diese Anleitung beschreibt, wie und warum wir einen höheren Grad an Gewalt und Aggression in Kindergärten und Schulen erwarten können, die aus der ablehnenden europäischen Haltung gegenüber den Flüchtlingen resultiert, und wie wir mit dieser Situation  als Lehrer und Eltern umgehen können. Der Text illustriert die unterschiedlichen und doch  identischen Quellen von Aggression bei europäischen und geflüchteten Kindern und  Jugendlichen, und die Notwendigkeit neuer pädagogischer Ansätze. Mit dem Begriff  «Prävention», den ich hier benutze meine ich Primärprävention. Da es über den  Zusammenhang zwischen politischen und kulturellen Haltungen gegenüber Migranten und  Flüchtlingen und dem Auftreten von Aggression und Gewalt bei Kindern und Jugendlichen  keinerlei Forschungsergebnisse gibt, sind die in Folge beschriebenen Ansprüche und  Vorhersagen nicht evidenzbasiert, sondern erfahrungsbasiert. (mehr …)

WeiterlesenGastbeitrag von Jesper Juul: Gewalt und Radikalisierung vermeiden – eine Anleitung*

Beziehungspädagogik braucht Teamarbeit

„Nie mehr allein. Die neuen Lehrer: Während Pädagogen Einzelkämpfer waren, werden sie jetzt zu Teamplayern“ – jubelt die „Zeit“ am 25. Februar dieses Jahres und bezieht sich mit dieser Überschrift auf eine Studie der „Bertelsmann Stiftung“ „Lehrerkooperation in Deutschland. Eine Studie zu kooperativen Arbeitsbeziehungen der Sekundarstufe I“, in der mehr als 1.000 Lehrer zu ihrer Arbeit und ihrem Selbstbild befragt wurden. „So gut wie alle Pädagogen (97%) meinen, dass Lehrer heute im Team zusammenarbeiten müssen. Zwei Drittel sprechen schon jetzt regelmäßig miteinander über einzelne Schüler, geben sich Tipps für die nächste Mathe- oder Deutschstunde oder tauschen Arbeitsblätter oder Bücher aus“, hieß es da fast triumphierend. (mehr …)

WeiterlesenBeziehungspädagogik braucht Teamarbeit