Mit Kindern „auf Augenhöhe“ kommunizieren

Ich bekomme auf meinen Blog immer wieder Anfragen von Leserinnen und Lesern, die ich gerne beantworte. Auf einen der letzten Beiträge hin kamen gleich mehrere, was ich denn darunter verstehen würde, Kindern „auf Augenhöhe“ zu begegnen.

Zunächst: Kindern „auf Augenhöhe“ zu begegnen bedeutet nicht, aus ihnen kleine Erwachsene zu machen. Im Gegenteil. Ihnen auf Augenhöhe zu begegnen bedeutet vor allem zu versuchen, ihre Perspektive auf die Welt einzunehmen, um sie so besser spüren und verstehen zu können.

Kinder betrachten die Welt mit anderen Augen als wir Erwachsene. Hat ein kleines Kind zum Beispiel vor dem Schlafengehen Angst vor „Monstern“ oder „wilden Tieren“, dann nicht, weil es dumm ist, sondern weil es sich in der Dunkelheit besonders hilflos und machtlos fühlt. Wenn es dann nach seinen Eltern ruft, bedeutet die Begegnung mit ihm auf „Augenhöhe“, sich in seine Sicht auf die Welt, die ihm in diesem Moment gefährlich erscheint, zu begeben. Sich nicht über es lustig zu machen oder seiner Unwissenheit darüber, dass es schließlich keine Monster unter seinem Bett gibt, mit langen Erklärungen zu begegnen, sondern ihm zu sagen: „Ich bin jetzt für dich da, ich passe auf dich auf. Wenn du Angst bekommst, dann sag es mir. Dann sehen wir einmal gemeinsam nach, ob sich da wirklich ein Monster oder wildes Tier versteckt.“ „Auf Augenhöhe“ bedeutet, die Ängste, aber auch die Unwissenheit eines Kindes zu respektieren, es nicht für das, was in ihm vorgeht, zu beschämen. Das gilt später auch für viele andere Ängste oder existenzielle Bedürfnisse von Kindern.

Immer wieder können wir beobachten, ob auf der Straße, auf dem Spielplatz und anderswo, dass sich Eltern, wenn sie mit ihren Kindern sprechen, hinhocken, um so mit dem Kind auf Augenhöhe zu sein. Es ist eine kostbare Geste, die sagen will: „Ich akzeptiere dich, so wie du bist. Ich versuche, deine Perspektive auf die Welt einzunehmen. Sag oder zeige mir, was du möchtest und was in dir vorgeht.“ Es bedeutet nicht, sich mit dem Wissen, die der Erwachsene hat, klein zu machen und so zu tun, als wäre man selbst ein Kind. Aber auf diese Weise stellt sich ein vom Kind gespürtes Vertrauen her, anders als wenn es, und dies ist ja meistens der Fall, zum Erwachsenen hinaufsehen muss und dabei ständig dessen Größe und Überlegenheit spürt. „Auf Augenhöhe“ bedeutet, den Selbstwert eines Kindes zu stärken, indem es sich und seine Sicht auf die Welt angenommen fühlt. Mit einem Kind auf Augenhöhe zu kommunizieren bedeutet Wertschätzung und ist gleichzeitig die Grundlage, es von unserem, erwachsenen Blick auf die Welt profitieren zu lassen. 

Claus Koch

Dr. phil. (Psychologie), Diplompsychologe. Bis Juli 2015 Verlagsleiter für den Bereich Sachbuch und Elternratgeber beim Beltz Verlag in Weinheim. 2015 gründete er zusammen Udo Baer das „Pädagogische Institut Berlin“ (PIB). Jahrelange wissenschaftliche Tätigkeit mit dem Schwerpunkt Entwicklungspsychologie des Kindes und Jugendlichen unter psychoanalytischen und bindungstheoretischen Gesichtspunkten, u.a. mit einem Lehrauftrag an der Universität Bielefeld. Publizist und Autor. Zahlreiche Vorträge, Buchveröffentlichungen und Artikel in Fachzeitschriften. Vorstandsmitglied des „Archiv der Zukunft“ (AdZ).

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