Von der in Deutschland gerne verbreiteten Untergangsmetaphorik und Alarmstimmung werden auch die jüngsten Ergebnisse der Pisa-Studie von der Politik und den Medien begleitet: „Deutschlands Schüler so schlecht wie nie“ titelt die „Welt“. Und manches in den Kommentaren erinnert eher an Sportberichterstattung, wenn beklagt wird, dass „wir“ nur „Mittelmaß“ sind und kein Meisterschaftsanwärter – aber das war, auch aufgrund vorheriger Studien, schließlich seit langem bekannt. Also ein paar Tage helle Aufregung und man geht zum nächsten Tagesordnungspunkt über. Sozialkürzungen bei denen, die nachweislich die geringsten Bildungschancen besitzen, bleiben auf der Tagesordnung.
Wie so häufig lohnt es sich, auch hier die Perspektive der direkt Betroffenen, also der Kinder und Jugendlichen, selbst einzunehmen.
Nahezu alle Kinder möchten gerne etwas lernen: zunächst das Laufen und ebenso, die Welt immer besser zu verstehen. „Warum? Warum?“ – fragen schon die ganz Kleinen und dann hängt es von der Bereitschaft ihrer Eltern, Erzieher*innen und Lehrer*innen ab, ihren Wissendurst zu stillen. Nicht genervt, nicht „von oben“, sondern mit Empathie und auf Augenhöhe. Immer sollte es darum gehen, ihnen ihren Wunsch, lernen zu wollen, nicht zu vermiesen. Ihnen Mut zum Lernen zu machen und sie nicht zu entmutigen.
Ein Störfaktor ist häufig, Lernen und Wissen, ja Bildung, mit „Leistung“ gleichzusetzen. Dann entsteht bei zu vielen Kindern und später Jugendlichen der Eindruck, nicht gut genug zu sein, wenn sie sich entlang eines abstrakten Leistungsprinzips immer nur an anderen orientieren müssen, weil die „besser“ sind als sie. Mit der Folge, dass Wissensdrang und Motivation verblassen. Wohlgemerkt: Es geht nicht darum, gute Leistungen zu verteufeln. Wenn jedem dritten Jugendlichen, wie aus der jetzt veröffentlichten Studie hervorgeht, grundlegende Kompetenzen in Lesen und Mathematik fehlen, dann muss nach den Ursachen gesucht werden, dem zu begegnen. Im Vordergrund aber sollte immer die Suche nach dem geeigneten Weg stehen, sich, später auch als Erwachsene, besser in der Welt zurechtfinden zu können. Um nicht abgehängt zu werden, um nicht als Jugendliche zynisch jedem Leistungsgedanken den Rücken zu kehren und sich in den endlosen Weiten des Netzes, auf TikTok oder Insta zu verlieren. Lesen, Kenntnisse erwerben, zwischen „Fake-News“ und Tatsachen zu unterscheiden, auch die nüchterne Welt der Naturwissenschaften kennenlernen und verstehen sind die besten Voraussetzungen dafür. Übrigens auch, um politische Scharlatane zu durchschauen.
In kaum einem anderen Land der Welt ist der soziale Hintergrund so entscheidend für die Bildungskarriere wie in Deutschland. In buchstäblichen Sinn ein Armuts-zeugnis. Das von der Bildungsministerin Karin Prien aufgelegte Startchancen-Programm, das neue Kita-Gesetz, der Fokus auf Sprachförderung und der Rechtsanspruch auf Ganztagsbetreuung sind notwendige, aber nicht hinreichende und immer noch chronisch unterfinanzierte Mittel, der Bildungsungerechtigkeit zu begegnen.
Und auch an den Schulen muss sich etwas ändern. Lehrer*innen unterrichten keine Klassen, sondern Kinder und Jugendliche. Aus eigener Schulzeit wissen wir Erwachsenen, dass uns besonders die Lehrer*innen gutgetan haben, die uns in der Schule nicht nur als „Stoff“- empfänger, sondern als ganzen Menschen mit all unseren Stärken und Schwächen angenommen und zum Lernen ermutigt haben. Also gehört auch Beziehungsarbeit in die Ausbildungspläne und später in den Unterricht und dient, was vielfach bewiesen ist, wie kaum ein anderer Faktor erfolgreicher Wissensvermittlung und als Motivations-Booster.
Mittel und Wege, der „Bildungskatastrophe“ zu entgehen, sind längst bekannt. Dazu gehört besonders die gezielte Förderung von Kindern, die in unserem Bildungssystem mit seiner frühen Auslese sonst kaum eine Chance haben. Pures Lamentieren über „dumme“ und „lernunwillige“ Schüler*innen, unzulängliche Eltern und Lehrer hilft keinen Deut weiter.
