Gewalt an Schulen

Die Gewaltbereitschaft von Schüler*innen innerhalb, aber auch außerhalb der Schule hat zugenommen, das zeigen die Ergebnisse von mehreren Umfragen – ob unter Lehrer*innen oder unter Schüler*innen selbst. Kürzliche Ergebnisse des „Konflikt- und Gewaltbarometers“ an Berliner Schulen, die sich durchaus verallgemeinern lassen, fasst die Berliner Bildungssenatorin Günther-Wünsch wie folgt zusammen:

„Die Lehrkräfte beschreiben ganz deutlich, dass es eine starke Verrohung gibt unter den Kindern und Jugendlichen. Dass sie eine deutlich abgenommene Frustrationstoleranz haben und dass Kleinigkeiten inzwischen im Alltag reichen, um zur Eskalation zu führen. Und sie sagen weiterhin ganz klar, dass die Konflikte und die Gewaltformen deutlich über den Schulalltag hinausgehen, nämlich in den digitalen Raum und am nächsten Tag dann wieder in den Klassenzimmern sind, so dass der Konflikt doch keine Pause mehr macht. Und das belastet unsere Schulen extrem.“

Über die Ursachen zunehmender Gewalt unter Schülern, gelegentlich aber auch gegenüber pädagogischen Fachkräften, wird seit langem diskutiert: Neben pauschalen Schuldzuweisungen werden immer wieder prekäre Lebensverhältnisse genannt, die Kindern und Jugendlichen kaum Raum (und materielle Ressourcen) lassen, sich entlang ihrer elementaren Bedürfnisse nach Sicherheit, Geborgenheit und Selbstbestimmung frei zu entfalten. Hinzukommen häusliche Konflikte oder Milieus, in denen Gewaltausübung als legitimes Mittel gesehen wird – zum Beispiel um seine „männliche Würde“ zu verteidigen und nicht als „Loser“ dazustehen. Dass Gewalt unter Schülern, wie die Studien zeigen, an Haupt-, Real- und Gesamtschulen stärker ausgeprägt ist als an Gymnasien ist ein deutlicher Hinweis darauf, dass der sozio-ökonomische Hintergrund offensichtlich eine bedeutende Rolle spielt, darf aber nicht dazu führen, die Schüler*innen an diesen Schulen zu diffamieren, wie es immer wieder, oft von wohlhabenden Eltern, aber auch Politikern geschieht. Vielmehr geht es darum, die von vielen Bildungspolitikern geforderten Unterstützungsangebote hier besonders geltend zu machen, was zum Beispiel mit dem von der Bundesregierung initiierten „Startchancenprogramm“ an manchen Orten bereits ins Leben gesetzt wurde.

Zum Schluss an dieser Stelle nur noch einige wenige Sätze zu Ursachen, die oft nur wenig Erwähnung finden.

In den meisten Fällen handelt es sich bei den verschiedenen Formen von Gewaltausübung unter Kindern und Jugendlichen um einen Hilfeschrei, Beachtung zu finden. Viele dieser Kinder und Jugendlichen haben die Erfahrung gemacht, bei sich zu Hause und anderswo auf keine oder nur wenig Resonanz zu stoßen. Nicht gehört und gesehen zu werden bringt ihren Weltbezug zunächst zum Verstummen, führt aber auch zu einer intensiven Suche nach Aufmerksamkeit, leider mit kontraproduktiven Mitteln. Gewalt gegenüber Gleichaltrigen vermittelt ihnen dann ein Gefühl von Stärke und Durchsetzungsvermögen und zieht zudem Beachtung auf sich. Hilfsangebote, auch von pädagogischer Seite anzunehmen gilt ihnen oft als Zeichen vermeintlicher Schwäche und werden dann ebenfalls mit aggressiven Mitteln abgelehnt.

Was tun?

Statt Gewalt an Schulen bloß zu verurteilen oder die alleinige Schuld bei den aggressiven Kindern und Jugendlichen zu suchen, sind zielgenaue Interventionen, insbesondere von erfahrenen Sozialarbeitern und Schulpsychologen gefragt, von denen es an unseren Schulen immer noch – im Gegensatz zu anderen Ländern – viel zu wenige gibt. Hinzukommen müssen weitere Unterstützungsangebote für Lehrerinnen und Lehrer, die sich zu Recht im Stich gelassen fühlen, um mit der Situation angemessen umzugehen. Multiprofessionelle Teams gehören an jede Schule, um gemeinsam Strategien zu entwickeln, Gewalt unter Schülern in den Griff zu bekommen. Dort, wo dies geschieht, stellen sich erwiesenermaßen gute Erfolge ein. Wozu auch Angebote an die Schüler*innen selbst gehören, die den Teufelskreis von Gewalt auf der einen Seite und Ablehnung auf der anderen Seite durchbrechen. Freizeitprojekte gehören ebenso dazu wie Unterstützungsangebote an benachteilige Familien oder präventive Maßnahmen bereits vor Beginn des Grundschulalters. Projekte, die Zuwendung und Freundlichkeit vermitteln und das Ziel haben, Empathie, Konfliktfähigkeit und das Selbstbewusstsein der Kinder und Jugendlichen zu fördern. Dazu bedarf es allerdings ausreichend zur Verfügung stehender Mittel – man stelle sich nur einmal vor, dass das Geld, das für den „Tankrabatt“ ausgegeben wurde, in diese Richtung geflossen wäre! Der zunehmenden Gewalt an Schulen nur zuzusehen, sie von höherer Warte aus zu verurteilen und darüber hinaus die Verantwortung bloß denen zuzuschreiben, die sie ausüben, greift zu kurz. Hoffnung macht, dass bereits viele Schulen Maßnahmen und Projekte mit konkreten Unterstützungsmaßnahmen ins Leben setzen und damit für andere zu Vorbildern werden. Es müssen immer mehr werden.

Quellen und zum Weiterlesen:

https://www.tagesschau.de/inland/gesellschaft/gewalt-schulen-guenther-wuensche-100.html

https://www.zeit.de/gesellschaft/2026-06/deutsches-schulbarometer-2026-robert-bosch-stiftung-lehrkraefte-schueler-verhalten

https://www.zeit.de/familie/2026-05/kindeswohl-deutschland-unicef-studie-kinderfreundlichkeit

https://www.zeit.de/wirtschaft/2026-06/kindergesundheit-deutschland-u-untersuchungen-psychologie

Claus Koch

Dr. phil. (Psychologie), Diplompsychologe. Bis Juli 2015 Verlagsleiter für den Bereich Sachbuch und Elternratgeber beim Beltz Verlag in Weinheim. 2015 gründete er zusammen Udo Baer das „Pädagogische Institut Berlin“ (PIB). Jahrelange wissenschaftliche Tätigkeit mit dem Schwerpunkt Entwicklungspsychologie des Kindes und Jugendlichen unter psychoanalytischen und bindungstheoretischen Gesichtspunkten, u.a. mit einem Lehrauftrag an der Universität Bielefeld. Publizist und Autor. Zahlreiche Vorträge, Buchveröffentlichungen und Artikel in Fachzeitschriften. Vorstandsmitglied des „Archiv der Zukunft“ (AdZ).

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