Der Hype um ADHS und die Folgen

Teil 1

Das „Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom“ (kurz: ADS) kann sich zurzeit über mangelnde Aufmerksamkeit nicht beklagen. Egal, wohin man sieht, ob in Zeitungen, Zeitschriften oder online-Medien – an ADHS, der „Aufmerksamkeit-Hyperaktivitäts-Störung“, führt derzeit kein Weg mehr vorbei. Waren es in der Vergangenheit hauptsächlich Kinder, denen durch Symptome wie Unaufmerksamkeit, Impulsivität und motorische Unruhe ADHS zugeschrieben wurde, stehen in jüngster Zeit immer mehr Erwachsene als Träger dieser Symptomatik im Vordergrund; bis dahin, dass sich „Promis“ in Klatschspalten zu „ADHS“ bekennen und froh darüber sind, nun endlich einen Grund für die Probleme in ihrer Vergangenheit, ob in der Partnerschaft oder bei der Arbeit, gefunden zu haben. Darüber hinaus wird ADHS oft als „Krankheit“ beschrieben, so dass in der Öffentlichkeit der Eindruck entsteht, es gäbe so etwas wie einen „Erreger“, als sei ADHS übertragbar und ansteckend oder als könnten diejenigen, die unter ADHS leiden, genetisch vorbelastet sein.

In diesem und im nächsten Blog will ich näher darauf eingehen, warum ADHS in den Medien, unter Laien, aber auch von einigen Fachleuten mittlerweile als eine Art Volkskrankheit angesehen wird und welche Folgen das hat.

Die angeblich hohe Verbreitung von ADHS über alles Altersgruppen hinweg hängt ursächlich damit zusammen, dass unter der entsprechenden Diagnose relativ häufig auftretende Verhaltensweisen von Kindern und Erwachsenen zusammengefasst werden. So listet das in der Psychiatrie gängige Diagnosemanual DSM V für Unaufmerksamkeit und Hyperaktivität/Impulsivität bei Kindern jeweils neun Symptome für diese Störung auf – von Flüchtigkeitsfehlern bei Hausaufgaben über leichte Ablenkbarkeit bis zu Rumhampeln und ständig in Bewegung sein. Treffen sechs der dort genannten neun Symptome zu, würde unter weiter genannten Bedingungen eine Aufmerksamkeits-Defizit-Störung vorliegen. Damit entsteht das Problem, dass diese bei Kindern oft vorkommenden Verhaltensweisen nicht nur bei laienhafter Betrachtung, sondern auch in manchen professionellen Kreisen sehr schnell zu einer ADHS-Diagnose führen können, verbunden mit entsprechender Medikation. Für manche entsteht der Verdacht auf ADHS bereits, wenn das im Schulunterricht „abwesende Kind aus dem Fenster starrt und sich von einem Eichhörnchen ablenken lässt“ oder der „Zappelphilipp nicht stillsitzen kann und mit dem Bein unter dem Tisch hin und her wippt“.*

Frage ich bei ChatGPT nach, ob bei meinem Kind oder bei mir als Erwachsene/r ADHS vorliegt, bekomme ich ebenfalls eine Vielfalt von Verhaltensweisen genannt, die nicht wenige von uns, zumindest zeitweilig, bei sich selbst oder ihren Kindern kennen. Was umso schwerer wiegt, da immer mehr Erwachsene, aber auch schon ältere Kinder und Jugendliche in entsprechenden Suchmaschinen nach Gründen für ihre ihnen oft zugesprochenen Verhaltensprobleme suchen, und dann neben anderen Befunden sehr schnell auf die Diagnose ADHS stoßen, die ihnen aus den Medien bereits bestens bekannt ist. Mit anderen Worten und etwas verkürzt ausgedrückt: Liegt es vielleicht an ADHS, dass ich so bin, wie ich bin?

Um jeglichen Missverständnissen entgegenzutreten: Es gibt ADHS als psychische Störung, sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen. In der Fachliteratur wird davon ausgegangen, dass bei sorgfältiger Diagnose, zu der mehr gehört als nur die Beschreibung akut auftretender Symptome, etwa vier bis fünf Prozent von Kindern unter ADHS leiden. Für Erwachsene liegen noch keine zuverlässigen Zahlen vor. Das Problem liegt also nicht darin, dass es ADHS gibt, sondern dass diese Diagnose zu leicht auf jedes herausfordernde Verhalten von Kindern anzuwenden ist. Und vor allem, dass mit der Diagnose sämtliche andere möglichen Zusammenhänge ausgeblendet werden, die dann eher auf eine Bindungs- und Beziehungsproblematik zurückgehen können, denn auf eine „Krankheit“ ADHS. Darüber im nächsten Blog mehr.

Quellen:

https://www.msdmanuals.com/de/profi/p%C3%A4diatrie/lern-und-entwicklungsst%C3%B6rungen/aufmerksamkeitsst%C3%B6rung-und-hyperaktivit%C3%A4t-adhd

*https://www.fr.de/wissen/schwelende-vulkane-die-adhs-form-die-eltern-und-aerzte-ueberfordert-zr-94302564.html

Claus Koch

Dr. phil. (Psychologie), Diplompsychologe. Bis Juli 2015 Verlagsleiter für den Bereich Sachbuch und Elternratgeber beim Beltz Verlag in Weinheim. 2015 gründete er zusammen Udo Baer das „Pädagogische Institut Berlin“ (PIB). Jahrelange wissenschaftliche Tätigkeit mit dem Schwerpunkt Entwicklungspsychologie des Kindes und Jugendlichen unter psychoanalytischen und bindungstheoretischen Gesichtspunkten, u.a. mit einem Lehrauftrag an der Universität Bielefeld. Publizist und Autor. Zahlreiche Vorträge, Buchveröffentlichungen und Artikel in Fachzeitschriften. Vorstandsmitglied des „Archiv der Zukunft“ (AdZ).

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