Kinderarmut bedeutet in ihrer Würde verletzte Kinder

erinnern Sie sich noch an die letzten Monate des Jahres 2025 – innenpolitisch waren sie geprägt von der sog. „Rentendebatte“. Was kein Wunder ist. Schließlich leben in Deutschland rund 19 Millionen bei Wahlen stimmberechtigte Rentner und darüber hinaus weiß jede und jeder wo auch immer Beschäftigte, dass sie oder er einmal in Rente gehen wird, die einen früher, die anderen später. Und wovon dann leben, um nicht in Altersarmut zu geraten? Schon heute gelten 3,5 Mio. Rentner*innen über 65 Jahren als armutsgefährdet. Dass für das Jahr 2026 eine hochkarätige Kommission eingesetzt wurde, um sich mit der zukünftigen Rentenpolitik zu befassen, ist also nur folgerichtig. Aber wäre eine solche Kommission nicht auch sinnvoll, um sich für das Wohl jener einzusetzen, die schon heute, viele Jahrzehnte vor ihrem Rentenalter, unter Armut leiden?

Laut Statistischem Bundesamt ist etwa jedes siebte Kind in Deutschland von Armut bedroht – 2,2 Millionen Kinder! Die Organisation Save the Children, die sich weltweit für den Schutz von Kindern und das Kindeswohl einsetzt, spricht von jedem fünften Kind oder mehr als drei Millionen Kindern und Jugendlichen, die in Deutschland Armut und soziale Ausgrenzung erfahren. Die konkreten Folgen seien gravierend:

  • Sie können sich oft nicht gesund und ausgewogen ernähren, weil es schlicht zu teuer ist.
  • Sie leben oft in beengten Wohnverhältnissen, in denen sie sich kaum oder gar nicht zurückziehen können, um zum Beispiel in Ruhe zu spielen oder zu lernen.
  • Sie wachsen oft in Gegenden auf, in denen es nur wenige leicht zugängliche oder günstige Freizeitangebote gibt und sie sich kaum entfalten können.
  • Sie erfahren Benachteiligungen im Bildungssystem und haben größere Chancen, auch als Erwachsene Armut zu erleben.
  • Geburtstagsfeiern, Urlaube, Hobbys, Kino- Restaurant- oder Freizeitbesuche sind kaum bezahlbar.

Noch einmal: Es handelt sich dabei um keine Randgruppe, es geht, auch nach anderen Quellen, um fast drei Millionen Kinder! Um traurige, oft verzweifelte Kinder, die sich zudem schämen, ihre Armut zeigen zu müssen: in der Kita, in der Schule, vor anderen Kindern. Fast ein Drittel derer, die zur Tafel gehen, sind mittlerweile Kinder. Kinderarmut bedeutet in ihrer Würde verletzte Kinder!

Im Gegensatz zur unendlichen Rentendebatte war Kinderarmut der Tagesschau vom 17. November hingegen nur eine kurze Meldung wert. Und dann verschwand sie wieder aus dem öffentlichen Interesse.

Kinder und ihre soziale Situation, ihr Unglück und ihre Träume, ihr frühes Gespür für Gerechtigkeit und ihr Verlangen nach Geborgenheit und Schutz, all das wird in unserer Gesellschaft nach wie vor als Randphänomen behandelt. Obwohl wir ihnen täglich auf der Straße begegnen, in der Kita und Schule, finden sie in der veröffentlichten Meinung kaum oder gar nicht statt.

„Kindheit kann nicht warten“ sagt die Präsidentin des Kinderschutzbundes Sabine Andresen. Und weiter: „Die Belange von Kindern und Jugendlichen haben hierzulande keine Priorität … als ob man die Belange von Kindern zwischenparken könnte.“ Aber was sind die Gründe? Mehr darüber in einem der nächsten Beiträge an dieser Stelle.

Es grüßt Sie herzlich

Ihr

Claus Koch

www.claus.koch.de

Quellen:

https://arbeitsmarkt-und-sozialpolitik.verdi.de/ueber-uns/nachrichten/++co++960f7562-ea2e-11ef-b2ee-a9a697b30fa0

https://www.destatis.de/DE/Presse/Pressemitteilungen/2024/07/PD24_N033_63.html

https://www.savethechildren.de/informieren/themen/kinderarmut-in-deutschland

https://www.zeit.de/gesellschaft/2025-12/tafel-kinder-lebensmittel-hilfe-armut-politik-gxe

Claus Koch

Dr. phil. (Psychologie), Diplompsychologe. Bis Juli 2015 Verlagsleiter für den Bereich Sachbuch und Elternratgeber beim Beltz Verlag in Weinheim. 2015 gründete er zusammen Udo Baer das „Pädagogische Institut Berlin“ (PIB). Jahrelange wissenschaftliche Tätigkeit mit dem Schwerpunkt Entwicklungspsychologie des Kindes und Jugendlichen unter psychoanalytischen und bindungstheoretischen Gesichtspunkten, u.a. mit einem Lehrauftrag an der Universität Bielefeld. Publizist und Autor. Zahlreiche Vorträge, Buchveröffentlichungen und Artikel in Fachzeitschriften. Vorstandsmitglied des „Archiv der Zukunft“ (AdZ).

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