Kindeswohlgefährdung bereits in der Schule begegnen

Im Beitrag „Traumatisierte Kinder in Kita und Schule“ bin ich bereits vor einigen Wochen auf den Anstieg von Kindeswohlgefährdungen im Jahr 2024 eingegangen, innerhalb von fünf Jahren um fast ein Drittel. 72.800 Fälle wurden verzeichnet, dazu 240.000 Verdachtsmeldungen, die Dunkelziffer ist hoch. Vernachlässigung, so die Studie des Statistischen Bundesamtes, war mit 58 Prozent die häufigste Form von Kindeswohlgefährdung, gefolgt von psychischer Gewalt (37 Prozent) und sexuellen Übergriffen (6 Prozent). Und was besonders schwer wiegt: die Betroffenen Kinder sind im Schnitt unter 9 Jahre alt, also der jeweiligen Situation in ihrer Familie mehr oder weniger hilflos ausgesetzt.

Schulen sind, was nur wenige wissen, gesetzlich dazu verpflichtet, beim Kinderschutz mitzuwirken – nur wie lässt sich eine mögliche Gefährdung einschätzen und wie ihr begegnen? Immerhin sind Lehrkräfte und Schulleitungen oft die Ersten, die mitbekommen, dass ein Kind vernachlässigt wird oder familiäre Gewalt erleidet. „Manche reagieren mit Gleichgültigkeit, andere mit Übereifer“, so Klaus Seifried vom Berufsverband Deutscher Psychologen und Psychologinnen“. „Die einen denken: Was soll ich denn noch alles machen? Die anderen wollen sich um jedes Kind kümmern und übernehmen Aufgaben für die sie eigentlich gar nicht zuständig sind. Beides ist schwierig.“

Wie also mit den Kindern umgehen? Und an wen können sie sich pädagogische Fachkräfte wenden, um nicht hilflos zuschauen zu müssen, wenn sie feststellen, dass es einem Kind nicht gut geht, es leer und teilnahmslos wirkt, auffallend schüchtern und unsicher, äußerlich vernachlässigt oder immer wieder versucht, auf sich aufmerksam zu machen. Oft geschieht dies mit kontraproduktiven Mitteln, zum Beispiel aggressivem Verhalten, sodass sich die Spirale von Ablehnung und Zurückweisung immer weiter dreht. Dabei sind es doch gerade Lehrerinnen und Lehrer, die ein Vertrauen zu solchen Kindern herstellen und für Rückhalt sorgen können, so dass sich das Kind ihnen anvertraut, weil es sich hier, im schulischen Kontext und anders als in ihren Familien angenommen und sicher fühlen kann.     

In einem längeren Beitrag hat sich vor kurzem das „Deutsche Schulportal“ der Robert Bosch Stiftung dem Thema noch einmal angenommen. Darin finden sich nützliche Hinweise und erste Antworten zum Umgang mit Kindern, deren Kindeswohl gefährdet ist. Allen pädagogischen Fachkräften, die mit diesem Thema zu tun haben, sei dieser Beitrag besonders empfohlen. Sie erfahren, worauf sie besonders achten müssen und an wen sie sich wenden können, um wirksam zu helfen. Denn bevor sich das Jugendamt einschaltet, sind es gerade sie, die die Notlage dieser Kinder, die sonst häufig übersehen wird, erkennen und für den entsprechenden Rückhalt sorgen können, um das Kind aus seiner oft ihm aussichtslos erscheinenden Lage herauszuhelfen.

Quelle:

Kindeswohlgefährdungen nehmen zu: Wie Schulen reagieren können.

https://deutsches-schulportal.de/schule-im-umfeld/kindeswohlgefaehrdungen-nehmen-zu-wie-schulen-reagieren-koennen/?utm_source=SOPG+GbR&utm_medium=email&utm_campaign=Newsletter+KW+17%2F2026&utm_content=Mailing_17033593

Claus Koch

Dr. phil. (Psychologie), Diplompsychologe. Bis Juli 2015 Verlagsleiter für den Bereich Sachbuch und Elternratgeber beim Beltz Verlag in Weinheim. 2015 gründete er zusammen Udo Baer das „Pädagogische Institut Berlin“ (PIB). Jahrelange wissenschaftliche Tätigkeit mit dem Schwerpunkt Entwicklungspsychologie des Kindes und Jugendlichen unter psychoanalytischen und bindungstheoretischen Gesichtspunkten, u.a. mit einem Lehrauftrag an der Universität Bielefeld. Publizist und Autor. Zahlreiche Vorträge, Buchveröffentlichungen und Artikel in Fachzeitschriften. Vorstandsmitglied des „Archiv der Zukunft“ (AdZ).

Schreiben Sie einen Kommentar