Traumatisierte Kinder in Kita und Schule

Liebe Leserinnen und Leser,

für das Jahr 2024 meldeten Deutschlands Jugendämter einen erneuten Anstieg von Kindeswohlgefährdungen auf rund 72.800 Fälle – die Dunkelziffer ist hoch und unbekannt, immerhin prüften die Behörden im Vorfeld fast 240.000 Verdachtsmeldungen. Die meist genannten Gründe sind laut der Studie schwere Vernachlässigung, körperliche, psychische und sexualisierte Gewalt. Dreiviertel aller Fälle gingen hauptsächlich von den Eltern der Kinder aus. Traumatisierende Kindheitserfahrungen sind demnach keine Seltenheit. Schätzungen gehen davon aus, dass in fast jeder Schulklasse traumatisierte Kinder zu finden sind.

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Wenn Gefahr droht, flieht jedes Kind von Geburt an zu seinen wichtigsten Bezugspersonen, zumeist zu seinen Eltern. Bei ihnen verspricht es sich, Schutz und Geborgenheit zu finden. Ein Versprechen, das in den allermeisten Fällen auch eingelöst wird. Kann das Kind darauf vertrauen, dass sie es bei drohender Gefahr schützen, verliert es die Angst vor einem „gefährlichen Draußen“ und lernt, mit ihrer Hilfe drohenden Gefahren auf seine körperliche und psychische Versehrtheit selbstwirksam zu begegnen.

Die traumatische Erfahrung eines Kindes, das Opfer von Vernachlässigung, Gewalt und sexuellem Missbrauch wird, ist hingegen geprägt von dem Gefühl grenzenloser Ohnmacht und Machtlosigkeit. Hinzukommen oft Scham, Schuldgefühle und das Gefühl, wertlos zu sein. Das Besondere solcherart traumatischer Erfahrungen aber ist, dass diejenigen, von denen es sich Schutz verspricht, zu denen es flüchtet, wenn ihm Schmerzen und Erniedrigung drohen, selbst die Urheber seines Leidens sind. Es sucht bei ihnen trotz gegenteiliger Erfahrungen immer wieder Schutz und erfährt von ihnen immer wieder unermessliches Leid – ein Teufelskreis, der es gefangen hält und aus dem es kein Entweichen gibt. Die Tür, den traumatischen Erfahrungen zu entkommen, bleibt ihm verschlossen. Für das Kind gibt es kein Entrinnen.

Eine traumatisierende Erfahrung ist wie ein Schock, ist ein Erleben, das über die Bewältigungsfähigkeiten eines Kindes hinausgeht. Dies gilt übrigens auch für Kinder von Geflüchteten, die im Krieg Bomben- und Raketenangriffe erlebt haben, die zusehen mussten, wie Menschen um sie herum verwundet oder getötet wurden, im schlimmsten Fall die eigenen Eltern. Auch diesen Kindern begegnen wir als Erzieher*innen und Lehrer*innen in der Kita und in der Schule. Und es stellt sich die Frage, wie wir ihnen allen helfen können, denn das müssen wir.

Zunächst geht es darum, traumatisierte Kinder in Kita und Schule zu erkennen. Kinder mit solchen Erfahrungen sind häufig extrem unruhig, können sich kaum konzentrieren, immer wieder gehen ihnen die Bilder von erfahrener Gewalt und erfahrenem Missbrauch durch den Kopf. Ihr Blick ist dann leer und starr. Manche Kinder ziehen sich ganz in sich zurück, sind kaum ansprechbar, andere Kinder wiederum werden häufig „wie aus heiterem Himmel“ gewalttätig. Plötzlich taucht die traumatisierende Situation wie ein „Flashback“ vor ihren Augen auf, und sie müssen sich mit allen Mitteln dagegen zur Wehr setzen, notfalls mit Gewalt, die oft ziellos wirkt, sich manchmal aber auch gegen andere richtet, oft diejenigen, die es gut mit ihnen meinen. Zuwendung ertragen diese Kinder nicht, gehört sie doch ins selbe Muster, das sie im Vertrauen zu ihren Peinigern kennengelernt haben. Bei anderen Kindern finden wir häufig übertriebene Gewaltszenen in ihren Zeichnungen oder sie spielen diese mit Spielfiguren nach. Kinder, die sexualisierten Missbrauch erfahren haben, fallen häufig dadurch auf, dass sie sexuell konnotierte Szenen malen, selbst sexualisiertes Verhalten zeigen oder eine sexualisierte Sprache benutzen. Oft wirken sie gegenüber ihnen eigentlich fremden Erwachsenen auffallend distanzlos, suchen übertrieben ihre Nähe, reiben sich an ihnen, wollen sie küssen.

Solchen Kindern mit herkömmlichen Mitteln zu helfen ist nahezu unmöglich. Sie alle brauchen eine Traumatherapie, und zwar so schnell wie möglich. Deshalb ist es so wichtig, Kinder, die unter traumatischen Erfahrungen leiden, frühzeitig zu erkennen. Darüber hinaus aber können alle, die mit ihnen zu tun haben, ob als Menschen, die ihnen nahestehen oder pädagogische Fachkräfte, ihnen Unterstützung anbieten und ihnen helfen. Es geht darum, ihnen das Gefühl zu vermitteln, sich bei ihnen sicher und geborgen fühlen zu können, auch wenn sie sich oft dagegen wehren, weil sie das Gefühl für diese Erfahrung verloren haben. Es geht darum, ihnen Halt zu geben, um ihrem freien Fall ins Leere und in Aussichtslosigkeit aufzuhalten. Es geht darum, ihnen immer das Gefühl zu geben, so, wie du bist, bist du gut. Manchmal projizieren diese Kinder Bindungswünsche auf diejenigen, die sie betreuen. Eine Bindungsperson außerhalb ihrer „Gefahrenzone“ zu finden, kann einen Ausweg aus ihrer Situation bedeuten.

Es grüßt Sie herzlich

Claus Koch

PS.: Es würde mich freuen, wenn Sie diesen Blog weiterempfehlen – vielen Dank.

Quellen:

https://www.destatis.de/DE/Themen/Gesellschaft-Umwelt/Soziales/Kinderschutz/_inhalt.html

Literaturtipp:

Udo Baer: Was hochbelastete Kinder brauchen. Praxishandbuch für die Begleitung und Betreuung. Klett-Cotta

Claus Koch

Dr. phil. (Psychologie), Diplompsychologe. Bis Juli 2015 Verlagsleiter für den Bereich Sachbuch und Elternratgeber beim Beltz Verlag in Weinheim. 2015 gründete er zusammen Udo Baer das „Pädagogische Institut Berlin“ (PIB). Jahrelange wissenschaftliche Tätigkeit mit dem Schwerpunkt Entwicklungspsychologie des Kindes und Jugendlichen unter psychoanalytischen und bindungstheoretischen Gesichtspunkten, u.a. mit einem Lehrauftrag an der Universität Bielefeld. Publizist und Autor. Zahlreiche Vorträge, Buchveröffentlichungen und Artikel in Fachzeitschriften. Vorstandsmitglied des „Archiv der Zukunft“ (AdZ).

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