Parasoziale Beziehungen: Mein Freund der Chatbot

In der Debatte um ein Social-Media-Verbot für Kinder und Jugendliche gerät ein weiterer Trend in den Hintergrund: So geht aus einer kürzlich veröffentlichten Mediensucht-Studie der DAK mit 1.005 repräsentativ ausgewählten Kindern und Jugendlichen im Alter von 10- bis 17 Jahren hervor, dass für knapp 39 Prozent dieser Altersgruppe Chatbots fest in ihrem Alltag verankert sind. Dabei geht es nicht nur darum, sich von ihnen Informationen und Wissen zu besorgen, sondern zunehmend um ihre Nutzung als Gesprächspartner, um das Herstellen „parasozialer Beziehungen“. „Parasoziale Beziehungen“ deshalb, weil diese sogenannten „AI-Companions“ ja nicht im wirklichen Leben existieren. Dabei simulieren sie nicht nur menschliche Gespräche und Gefühle, sondern drücken Kindern und Jugendlichen mit ihrer Gesprächsbereitschaft auch Zuneigung und menschliche Nähe aus. Wobei die „Chat-Companions“ nicht nur jederzeit verfügbar sind, sondern sich dank ihres Algorithmus auch gerne den eigenen Vorstellungen, Wünschen und Vorlieben anpassen. Der Umgang mit ihnen gestaltet sich entsprechend problemlos und immer zentriert auf das eigene Ich – im Gegensatz zu den immer wechselseitigen Beziehungen im „echten Leben“. Und so kann aus einer solchen virtuellen Begegnung tatsächlich so etwas wie eine „echte“ Beziehung wie mit einem Freund oder einer Freundin werden.

„AI-Companions“ schaffen eine vertrauensvolle Verbindung und sorgen für soziale Nähe. Besonders Kinder und Jugendliche fühlen sich zu ihnen emotional hingezogen, weil sie im Rahmen ihrer neuropsychischen Entwicklung für solcherart parasoziale Beziehungen besonders empfänglich sind, wie Kerstin Paschke, die Leiterin der DAK- Studie, betont. Was allerdings, so möchte man hinzufügen, wohl nicht nur auf Kinder, sondern auch auf viele Erwachsene im Umgang mit den sozialen Medien zutrifft, die sich von einem virtuellen Freund oder einer virtuellen Freundin gerne verstanden und bestätigt fühlen.

Die Risiken von diesen nur scheinbar sozialen Beziehungen liegen auf der Hand. Kinder und Jugendliche verlassen die echte Welt, um sich in einem virtuellen Raum bei künstlich erzeugten „Gesprächspartnern“ Unterstützung, emotionale Nähe und Rat zu holen. Was besonders dann geschieht, wenn ihnen entsprechende Angebote im wirklichen Leben fehlen. Echte Beziehungen und Resonanzerlebnisse geraten ihnen zunehmend aus dem Blickfeld und obwohl sie mit Hilfe ihres AI-Companion versuchen, ihrer Einsamkeit zu entkommen, werden sie am Ende, ohne echte menschliche Nähe und Unterstützung, immer noch einsamer.

Quellen:

https://www.fr.de/panorama/dak-mediensucht-studie-viele-junge-menschen-in-deutschland-fuehlen-sich-der-ki-verbunden-zr-94242763.html

https://mpfs.de/studie/jim-studie-2025

Claus Koch

Dr. phil. (Psychologie), Diplompsychologe. Bis Juli 2015 Verlagsleiter für den Bereich Sachbuch und Elternratgeber beim Beltz Verlag in Weinheim. 2015 gründete er zusammen Udo Baer das „Pädagogische Institut Berlin“ (PIB). Jahrelange wissenschaftliche Tätigkeit mit dem Schwerpunkt Entwicklungspsychologie des Kindes und Jugendlichen unter psychoanalytischen und bindungstheoretischen Gesichtspunkten, u.a. mit einem Lehrauftrag an der Universität Bielefeld. Publizist und Autor. Zahlreiche Vorträge, Buchveröffentlichungen und Artikel in Fachzeitschriften. Vorstandsmitglied des „Archiv der Zukunft“ (AdZ).

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