Die psychische Belastung von Kindern und Jugendlichen ist in Deutschland erstmals nach der Coronapandemie wieder gestiegen. Besonders ihren Schulalltag nehmen viele Kinder und Jugendliche als belastend wahr – dies zeigt eine bundesweit repräsentative Umfrage der Robert-Bosch-Stiftung, die kürzlich veröffentlicht wurde. Laut dem „Schulbarometer“ fühlt sich ein Viertel der Schüler*innen psychisch belastet – am häufigsten werden Sorgen um die eigene Zukunft, Ängste wegen Kriegen und Krisen und der psychisch belastende Konsum sozialer Medien genannt. Hinzukommt, dass jede*r dritte Schüler*in regelmäßig Mobbing und Cybermobbing erlebt, sich jede*r vierte psychisch belastet fühlt und die Hälfte aller Befragten über zu hohen Leistungsdruck im Unterricht klagt. Schüler*innen aus armen Familien sind von dieser Entwicklung am stärksten betroffen: „Armut wirkt sich nicht nur auf Bildungschancen aus, sondern auch auf das Wohlbefinden und die mentale Gesundheit“ – so der Leiter der Studie, Julian Schmitz, Professor für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie und Psychotherapie.
Und die Schüler*innen selbst?
Sie kritisieren vor allem, dass ihre Meinung im Schulalltag nicht zählt und sie meistens zu reinen Befehlsempfängern ohne wirkliche Mitwirkungsrechte degradiert werden. Zudem würden bei persönlichen Krisen niederschwellige schulische Hilfsangebote fehlen – immerhin gilt fast jede*r vierte Heranwachsende in Deutschland als psychisch auffällig, so das Ergebnis der jüngsten Copsy-Studie Ende des Jahres 2025.
Nach einer Erhebung des Berufsverbandes Deutscher Psychologinnen und Psychologen (BDP) aus dem Jahr 2024 muss sich eine Schulpsycholog*in im Schnitt um 5.218 (!) Schüler*innen kümmern. Auch fehlt es an den meisten Schulen an multiprofessionellen Teams, in denen sich Lehrer*innen zusammen mit anderen Fachleuten um die Nöte von Schüler*innen kümmern können. Beziehungsarbeit, wie ich sie zusammen mit meinem Kollegen Udo Baer im Buch „Pädagogische Beziehungskompetenz“ mit ihrem Nutzen auch für das psychische Wohlergehen ausführlich begründet und beschrieben habe, findet kaum statt und spielt auch in der Lehrerausbildung nur eine untergeordnete Rolle. Das unter der Ampelregierung aufgelegte Modellprojekt „Mental Health Coaches“ an bundesweit 100 Schulen lief Ende 2025 aus, weil der Bundestag die Finanzierung nicht verlängerte.
Und dennoch tut sich etwas: Niedersachsen bildet Lehrkräfte und Sozialarbeiter*innen zu mentalen Ersthelfern aus. In manchen Bundesländern werden Maßnahmen zur Abnahme von Schulstress diskutiert, wie der Verzicht auf Klausuren oder unangekündigte Tests. Ebenso wird immer wieder auf den Verzicht von Hausaufgaben und Noten hingewiesen. Gegenwind kommt von konservativen Schulpolitikern mit ihrem Mantra „Leistung muss sich wieder lohnen“. Die dafür notwendigen Voraussetzungen, zu denen psychisches Wohlbefinden, ein positives Selbstbild und das Gefühl für Selbstwirksamkeit gehören, finden dabei kaum Erwähnung.
Wie in so vielen anderen gesellschaftlichen Bereichen lässt sich die gegenwärtige Lage dahingehend zusammenfassen, dass das psychische Wohlergehen von Kindern und Jugendlichen oft nur als Randnotiz zählt. Eine Gesellschaft aber, die ihre Kinder und Jugendlichen mit ihren Sorgen und Nöten im Stich lässt, spielt auch hinsichtlich politischer Entwicklungen mit dem Feuer. Denn die Zunahme autoritärer Gesellschaftsvorstellungen gerade unter (vor allem männlichen) Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die nach Identität und Anerkennung suchen, hat auch damit zu tun, wie negativ oder positiv Kinder und Jugendliche ihre eigenen Entwicklungs- und Mitwirkungsmöglichkeiten in ihrer nächsten Umgebung sehen. Dass sie nicht nur als Objekte politischen Handelns vorkommen, sondern als selbstbewusste handelnde Subjekt ihrer eigenen Zukunftsgestaltung. Der Wunsch, auszuwandern, wie es ein Fünftel der Jugendlichen in der jüngsten Trendstudie „Jugend in Deutschland“ erwägt, hilft jedenfalls nicht weiter.
Quellen:
https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/jugend-studie-2026-deutschland-100.html
https://taz.de/Eine-Studie-zeigt-wie-belastend-der-Schulalltag-fuer-Schuelerinnen-ist/!6163320
