Gutes Lernen aus Kindersicht

Ob in der therapeutischen Arbeit, in der Elternberatung, aber auch in Kita und Schule trägt die Sicht des Kindes maßgeblich dazu bei, ihm beizustehen und zu helfen. Dabei geht es darum, dem Kind nicht in vertikaler Absicht – „du da unten, ich da oben“ – unsere, d.h. die Sicht der Erwachsenen als seine Sicht aufzudrängen. Geschieht dies, beraubt es Kindern ihrer eigenen Sprache. Stattdessen sollte jeder Dialog mit Kindern ihre Autonomie fördern und selbstständiges Denken und Handeln unterstützen. In der Therapie und anderswo gilt also, Kinder nicht zum Objekt der eigenen Glaubenssätze zu machen, sondern ihnen Raum und Zeit zu geben, sich selbst zu äußern, ohne dem Erwachsenen damit gefallen zu müssen. Was nicht ausschließt, dem Kind, wenn sein Wohl gefährdet ist, aus unserer Perspektive zu helfen und ihm mit unserem erwachsenen Wissen weiterzuhelfen.

In einer Studie der Bertelsmann-Stiftung und Robert Bosch Stiftung „Lernen aus der Perspektive von Kindern“ aus dem Jahr 2025, wurden einmal nicht, wie so häufig, die Erwachsenen, also Lehrer und Lehrerinnen, sondern die Kinder selbst gefragt, wie sie sich Schule wünschen und was sie aus ihrer Sicht zum Lernen stark macht. Die Ergebnisse sind auch deswegen aufschlussreich, weil eine repräsentative Studie mit Schülerinnen und Schülern unlängst ergab, dass sich nur acht Prozent (!) von ihnen in der Schule wirklich wohl fühlen!

In der Studie schätzten es alle Kinder besonders, wenn es zwischen ihnen und ihren Lehrern nicht nur um den „Stoff“ geht, sondern ein persönlich interessierter gegenseitiger Austausch stattfindet. Mit anderen Worten, wenn das Interesse der pädagogischen Fachkräfte dem ganzen Kind gilt, statt nur seiner Leistung oder Leistungsbereitschaft. Kinder wollen angenommen werden, wie sie sind, und nicht nur, wie sie sein sollen.

In einem Interview fasst die Kindheitsforscherin Nentwig- Gesemann die Sicht der Kinder so zusammen: „Kinder wollen in ihrer Akteurschaft anerkannt werden. Sie möchten Schule gemeinsam mit den Erwachsenen zu einem Ort machen, an dem sich alle wohlfühlen. Sie möchten, dass man sie nach ihrer Meinung fragt, ihnen gut zuhört und ihre Anliegen ernst nimmt. Und Kinder wissen zum Beispiel intuitiv, dass sie keine Lernroboter sind.“  Darüber hinaus zeigte die Untersuchung, dass Kinder „ein sehr gutes Gespür dafür haben, was zu ihrem Wohlbefinden in der Schule und damit zu einer guten Lernumgebung beiträgt. Vieles von dem, was auch die Forschung als Voraussetzung für gelingendes Lernen begreift, finden wir auch in den Kinderperspektiven wieder.“ Ein Junge zum Beispiel sagt: „Ich habe gehört, in manchen Schulen müssen alle Kinder gleich schnell lernen. Das finde ich blöd, weil: alle Kinder sind ja unterschiedlich. Hier bei uns in der Schule fragen wir, wenn wir was nicht verstehen, dann brauchen wir halt manchmal ein bisschen länger.“

Hinsichtlich ihrer eigenen Forschungsarbeit, die Sicht der Kinder sichtbar zu machen, berichtet Nentwig-Gesemann, an Kitas eher auf offene Ohren gestoßen zu sein als an Schulen, was sich auch mit unserer Erfahrung der letzten zehn Jahre am „Pädagogischen Institut Berlin“ deckt. „Für die Studien zu Kita-Qualität aus Kindersicht hatten wir“, so Nentwig-Gesemann, „wenig Schwierigkeiten, Einrichtungen zu finden, die unsere Forschung unterstützt haben und neugierig auf Kinderperspektiven waren. Anders aber war es, Schulen für die Sicht von Kindern zu gewinnen. In einem Bundesland duften wir sogar trotz der Zusage von zwei Schulen, die gern an der Studie teilgenommen hätten, nicht forschen, weil die zuständige Behörde dies unter anderem mit dem Argument ablehnte, eine Forschung zu den Kinderperspektiven sei nicht notwendig.“

Trotz solcher bürokratischen Hindernisse haben sich viele Schulen dennoch auf den Weg gemacht, die Sicht der Kinder stärker in ihren Schulalltag einzubeziehen, nicht nur, was das Lernen betrifft, sondern auch das Verhältnis zwischen Pädagog*innen und Schüler*innen. Oder was die Schule aus Sicht der Kinder zu einem interessanten und schönen Lernort werden lässt. Evaluierungen und Forschungsergebnisse zeigen deutlich, dass kindliches Lernen davon profitiert. Die von vielen Bildungspolitkern gerade in letzter Zeit zunehmend geforderte Konzentration auf „Leistung“ und einen digitalisierten Schulalltag entspricht nicht dem berechtigten Anliegen von Kindern, ernst genommen zu werden und ihre eigenen Gedanken und Gefühle und auch ihre Sorgen thematisieren zu dürfen. Den Erwachsenenblick nur auf ihre Leistung zu lenken, macht Schule nicht besser, sondern schlechter und manches Kind einsamer – auch das ein deutliches Ergebnis der vorgestellten Studie.

Herzliche Grüße

Ihr

Claus Koch

Quellen

https://deutsches-schulportal.de/schulkultur/studie-was-kinder-ueber-das-lernen-im-ganztag-sagen

https://www.sueddeutsche.de/politik/schulbarometer-robert-bosch-stiftung-wohlbefinden-schueler-umfrage-lux.RGJQDyoBBktAmGVXRTQiPS

Claus Koch

Dr. phil. (Psychologie), Diplompsychologe. Bis Juli 2015 Verlagsleiter für den Bereich Sachbuch und Elternratgeber beim Beltz Verlag in Weinheim. 2015 gründete er zusammen Udo Baer das „Pädagogische Institut Berlin“ (PIB). Jahrelange wissenschaftliche Tätigkeit mit dem Schwerpunkt Entwicklungspsychologie des Kindes und Jugendlichen unter psychoanalytischen und bindungstheoretischen Gesichtspunkten, u.a. mit einem Lehrauftrag an der Universität Bielefeld. Publizist und Autor. Zahlreiche Vorträge, Buchveröffentlichungen und Artikel in Fachzeitschriften. Vorstandsmitglied des „Archiv der Zukunft“ (AdZ).

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