Wenn aus einem „Aufmerksamkeitsdefizit“ eine „Krankheit“ wird

ADHS und die Folgen, Teil 2

In der therapeutischen Arbeit mit Kindern und ebenso im Rahmen von kollegialen Fallbesprechungen in Kitas und Schulen habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht, dass Kinder, egal, ob beim Spiel oder im Unterricht, übertrieben nach Aufmerksamkeit suchen, wenn sie von ihren wichtigsten Bezugspersonen schon früh zu wenig Aufmerksamkeit erfahren haben. Es ist dieses Aufmerksamkeitsdefizit, das eine Symptomatik begünstigt, die leicht mit dem ADHS- Syndrom verwechselt werden kann.

Kinder suchen von Geburt an nach Resonanzerfahrungen. Sie wollen gehört und gesehen werden, dann geht es ihnen gut. Gehört und gesehen zu werden stärkt ihr Selbstvertrauen und ihre Selbstsicherheit. Ohne Resonanzerfahrungen entsteht eine zunehmende Leere in ihnen, sie fühlen sich dann ohnmächtig und wertlos. „Offenbar bin ich es nicht wert, dass man mich beachtet.“ Um dieses „Aufmerksamkeitsdefizit“ zu überwinden, versuchen viele von ihnen, oft mit kontraproduktiven Mitteln, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen: Sie „stören“, damit man überhaupt auf sie reagiert. Meistens erfahren sie dann wieder Ablehnung und geraten so in einen Teufelskreis aus Provokation und Zurückweisung, aus dem sie nur schwer wieder herausfinden. Andere Kinder wiederum ziehen sich gänzlich zurück, fallen in Tagträume oder wirken teilnahmslos und unnahbar.

Wir helfen diesen Kindern, wenn wir ihnen unsere Aufmerksamkeit schenken und ihnen die Initiative, beachtet zu werden, anders als sie es gewohnt sind, zurückgeben: „Ich sehe, du hast es hier schwierig. Kannst du mir sagen, wie ich dir am besten helfen kann?“ Das klappt nicht immer beim ersten Anlauf, aber wenn ein Kind spürt, von uns ernst genommen zu werden, öffnet es sich eher – diese Erfahrung habe ich im Rahmen meiner Kita- und Schulbesuche immer wieder machen können. Dann erzählen sie von ihrem Zuhause, davon, keine Freunde zu haben, nirgendwo richtig anzukommen. Immer geht es darum, gemeinsam auf die Probleme zu stoßen, die jedes Kind hat, bevor es selbst Probleme macht.

Zwei Fallbeispiele mögen dies noch einmal unterstreichen. Bei einem Besuch in einer ersten Klasse fiel mir ein Kind auf, das mit allen Mitteln versuchte, Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Ständig fiel von seinen Mitschüler*innen der Satz „Tim (Name geändert) hat mir mein Mäppchen genommen, Tim hat mein Ausmalheft kaputtgemacht, Tim rennt ständig herum und stört“. Über Aufmerksamkeit konnte sich Tim wahrlich nicht beklagen. Aber es war keine wohlwollende Aufmerksamkeit, die er sich so sehr wünschte, sondern erneut stieß er nur auf Ablehnung. Im Hintergrundgespräch stellte sich heraus, dass Tim bei sich zuhause oft allein war, tagsüber und abends, seine Mutter wirkte völlig überfordert und der Vater fehlte vollständig. Darüber hinaus wurde er von seinem älteren Bruder, mit dem er ein Zimmer teilte, ständig gehänselt. Mag sein, dass sich seine Symptomatik mit einem Medikament wie Ritalin etwas verbessert, er ein wenig zur Ruhe kommt und vielleicht sogar die Erfahrung macht, so bei anderen besser „anzukommen“. Eine dauerhafte Lösung wäre das nicht. Er und seine Mutter brauchen Unterstützung, Zuspruch und (therapeutische) Hilfe statt Ablehnung.

Ein anderes Kind, 5 Jahre alt, „flippte“ in der Kita in regelmäßigen Abständen aus, dann war es wieder für kurze Zeit unauffällig, bevor es wieder, wie die Erzieher*innen mir berichteten und mit einem Video zeigten, einen Raum „zerlegte“ und auf andere Kinder losging. Im Hintergrundgespräch stellten sich seine Eltern als sehr liebevoll im Umgang mit ihm heraus, sie waren sehr geduldig und machten sich große Sorgen, zumal die Kitaleitung damit drohte, das Kind nicht mehr zu betreuen. Sorgen machten sie sich auch, weil der Junge immer wieder einmal ohne sichtbaren Grund von zuhause weglief. In diesem Fall war offensichtlich, dass kein „Aufmerksamkeitsdefizit“ begünstigendes unsicheres Bindungsmuster vorlag. Das Kind erfuhr Resonanz, wurde gehört und gesehen und dennoch entwickelte es eine Symptomatik ähnlich der von ADHS oder, wie sich später herausstellte, eine Verhaltensstörung aus dem autistischen Spektrum. Eine Behandlung mit Ritalin und begleitender Psychotherapie führten zu guten Ergebnissen.

Die beiden, hier nur kurz umrissenen Beispiele zeigen, wie wichtig es ist, „ADHS-Symptome“ eines Kindes ernst zu nehmen, und gleichzeitig differentialdiagnostisch den Hintergrund ihrer Entstehung aus bindungstheoretischer Sicht in den Blick zu nehmen. 

Claus Koch

Dr. phil. (Psychologie), Diplompsychologe. Bis Juli 2015 Verlagsleiter für den Bereich Sachbuch und Elternratgeber beim Beltz Verlag in Weinheim. 2015 gründete er zusammen Udo Baer das „Pädagogische Institut Berlin“ (PIB). Jahrelange wissenschaftliche Tätigkeit mit dem Schwerpunkt Entwicklungspsychologie des Kindes und Jugendlichen unter psychoanalytischen und bindungstheoretischen Gesichtspunkten, u.a. mit einem Lehrauftrag an der Universität Bielefeld. Publizist und Autor. Zahlreiche Vorträge, Buchveröffentlichungen und Artikel in Fachzeitschriften. Vorstandsmitglied des „Archiv der Zukunft“ (AdZ).

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