Australien hat es vorgemacht, andere europäische Länder wollen folgen: ein Social-Media-Verbot bis zum Alter von 16 bzw. 14 Jahren zu erlassen, wie es zurzeit auch bei uns heftig diskutiert wird. Die Frage: Soll man TikTok, Instagramm oder Snapchat Kindern und Jugendlichen also verbieten und die Betreiber zu einem altersgemäßen Zugang verpflichten? Ich habe länger an diesem Text gesessen als sonst, mir viele Informationen auch von möglichen Betroffenen eingeholt oder Erfahrungsberichte von dort gelesen, wo das Verbot schon gilt. Dies alles nicht, weil mir das Schreiben schwerfiel, sondern es schwierig ist, zu dieser Frage eine eindeutige Antwort zu finden.
Dass für Kinder und Jugendliche Gefahren im Netz lauern, ist zunächst einmal unstrittig. Ob gewaltverherrlichende Videos oder Pornographie – vielen Kindern und Jugendlichen gehen diese Bilder und Inhalte nicht mehr aus dem Kopf, ständig erscheinen sie ihnen wieder, müssen sie an sie denken und sich oft suchtartig wieder und wieder anschauen. Dazu beitragen die personalisierten, also auf die Nutzer zugeschnittenen Einstellungen, ein Algorithmus, der das einmal Angeklickte oder mit Herzchen belohnte in allen möglichen Varianten erneut zeigt. Klicke ich pornographische Inhalte an, werden mir also weitere gezeigt und dasselbe gilt, wenn ich andere Menschen entwürdigende Gewalt oder rechtsextreme Inhalte konsumiere. Auf diese Weise „lernt“ TikTok – völlig unabhängig vom Inhalt –, was mich besonders interessiert und bedient mich entsprechend, was zu entsprechendem Suchtverhalten führen kann: nach neuen Zahlen einer Studie der DAK-Krankenkasse nutzen mehr als ein Viertel, also Hundertausende aller Kinder und Jugendlichen soziale Medien in riskantem oder sogar krankhaftem Ausmaß. Dies gilt ebenso für Ratschläge zum Abnehmen oder Beauty- und Selbstoptimierungstipps. Oft führen sie zu Essstörungen, starken Selbstzweifeln, Depressionen bis hin zu suizidalen Tendenzen.
Es gibt also genügend Gründe, Kindern und Jugendlichen diese und andere Inhalte zumindest bis zum Alter von 14 Jahren zu ersparen. Gegenargumente weisen darauf hin, dass Verbote die Inhalte erst recht attraktiv machen würden und auch schon von jüngeren „Digital Natives“ leicht zu umgehen sind, was Studien in Australien offenbar bestätigen. Stattdessen sollten Elternhaus und Schule per „Medienerziehung“ Kindern und Jugendlichen die Gefahren, die für sie im Netz lauern, bewusst machen. Das ist wünschenswert und richtig – aber können Eltern dies überhaupt leisten, zumal sie den Aufenthalt ihrer Kinder in virtuellen Räumen nur schlecht oder gar nicht kontrollieren können? Und sind auch wirklich alle dazu bereit und in der Lage, über oft tabuisierte Inhalte wie exzessive Gewalt oder Pornographie mit ihren Kindern und Jugendlichen zu sprechen? Und was ist mit ihrer Vorbildfunktion, wenn sie selbst ständig am Handy hängen? Und auch Probleme zu Hause, hier nicht oder nur selten gehört und gesehen zu werden, treibt Kinder und Jugendliche in den TikTok-Kosmos, in dem sie scheinbar ernst- und wahrgenommen werden. Und die Schule? Viele Kinder und Jugendliche, das haben repräsentative Studien ergeben, fühlen sich auch dort oft nicht gewürdigt. Außerdem bräuchte es eine entsprechende Schulung pädagogischer Fachkräfte, genügend Zeit und entsprechende Unterrichtseinheiten, was beides nur selten gegeben ist.
Ein Verbot von TikTok und Co., die für Kinder, Jugendliche und Eltern wichtigen Messengerdienste ausgenommen, ist sicherlich kein Allheilmittel. Und natürlich gibt es mehrheitlich immer noch alle diejenigen, die sich über harmlose Inhalte wie Katzenvideos, lustige Streiche, wagemutige Abenteuer und unbeholfene Liebeserfahrungen amüsieren und sie gerne mit anderen teilen möchten. Und dennoch: Ein Verbot dürfte ihnen den Konsum der für ihre psychische Entwicklung schädlichen Inhalten stärker bewusst machen, erschweren oder zumindest etwas aufschieben. Damit, Kindern bis zum Alter von 14 Jahren ungeschützt selbst die Verantwortung zu überlassen, sich dem Sog der Algorithmen sozialer Medien zu entziehen, macht man es sich zu einfach und schiebt letztlich ihnen die Schuld für Fehlentwicklungen zu – auch dann, wenn es zu spät ist. Eine Ideallösung ist es nicht, aber ein Verbot von TikTok und Co. für Kinder und Jugendliche bis zum Alter von 14 Jahren scheint mir, auch aus entwicklungspsychologischer Sicht und in Abwägung aller Pro- und Contra Argumente, sinnvoll zu sein.
Lesenswert:
https://taz.de/Im-Bann-der-Algorithmen/!6155162
https://taz.de/Hilfe-bei-Internetsucht/!6144925
Experiment zu Moral
Wie Kinder auf Bestechung reagieren
Ist die junge Jury eines Malwettbewerbs käuflich? Ein Versuch zeigt: Ab einem bestimmten Alter lehnen erstaunlich viele Kinder Korruption ab, auch wenn sie selbst profitieren würden.
