Kindern auf Augenhöhe zuhören

Vor einiger Zeit war ich Gast in einem Kinder- und Jugendtheater. Ich hatte gerade das Buch „Das Recht des Kindes, unglücklich zu sein“ geschrieben*, wovon auch das Theaterstück handelte. So hatte man mich eingeladen, um mit dem jungen Publikum – Kinder zwischen 8 und 10 Jahren – im Anschluss der Aufführung darüber zu sprechen, warum es vielen Kindern so schwerfällt, sich darüber zu äußern, dass sie sich manchmal oder auch oft unglücklich fühlen.  

Lange hatte ich überlegt, wie ich das anstellen soll. Absicht und Inhalt des Buches wiedergeben – das wäre auf eine schulähnliche Präsentation herausgelaufen. Schnell verwarf ich diesen Ansatz, die Brücke hin zu den Kindern schien mir auf diese Weise unüberwindbar, besonders, wo es doch um ihre Gefühle und Probleme mit dem „Unglücklichsein“ gehen sollte. Um das Gespräch zu beginnen, begab ich mich deswegen mit einem Kunstgriff auf Augenhöhe mit ihnen, indem ich von meinen eigenen Kindheitserfahrungen sprach und von der Zeit, als ich mich als Kind oft selbst unglücklich gefühlt habe. Die anfängliche Unruhe legte sich und gespannt hörten sie mir zu. Aber wie sollte es mir gelingen sie dazu zu bringen, von sich zu sprechen.

Spontan fiel mir dazu folgende Frage ein: „Was sagt ihr eigentlich, wenn eure Eltern euch beim Nachhausekommen danach fragen, wie es denn so in der Schule war? Ich hätte als Kind selbst immer geantwortet ‚gut‘, so wie später auch meine eigenen Kinder. Viele hoben ihre Hände: „Ja, das würden sie auch immer so machen.“ Dann fügte ich hinzu: „Das habe ich übrigens auch dann gesagt, als es mir in der Schule gar nicht gut ging.“ Jetzt meldete sich ein Junge aus der ersten Reihe meinte, ihm ginge es genauso: Oft würde er sagen, dass es ihm in der Schule gut ginge, „obwohl es manchmal gar nicht stimmen würde“. Fast hilfesuchend drehte er sich zu den anderen Kindern um. Der Bann war gebrochen. Mit einem Mal erzählten fast alle von ihren Erlebnissen in der Schule, die sie manchmal unglücklich machen würden. Nicht ich, sondern einer von ihnen hatte sie dazu bewegt, über sich zu sprechen. Sie waren an der Reihe, ich war nur noch Zuhörer. In der verbleibenden Zeit erzählten die Kinder von Mobbingerlebnissen, darüber, dass sie wegen ihres Aussehens oder „weil sie ein bisschen dick seien“ von einigen Kindern gehänselt würden, aber oft auch nur deswegen, weil sie Ali, Mohammed oder Elif heißen würden. Ihre Lehrer würden das gar nicht so mitbekommen. Die wären zwar schlauer als sie, aber sie hätten auch schon schlaue Gedanken, wenn man ihn zuhören würde.

Die Theaterleute waren völlig überrascht von der intensiven Beteiligung der Kinder zum Thema „Unglücklich zu sein“. Wozu auch beitrug, dass den Kindern während der Aufführung gestattet war, sich mit Zwischenrufen an die Schauspieler zu wenden, wenn etwas ihnen nicht passte oder sie anderer Meinung waren. Und dass die Eltern der Kinder nicht dabei waren. Vor ihnen geben viele Kinder nur ungern zu, dass sie manchmal unglücklich sind, einerseits, um sie nicht zu beschämen, andererseits, weil sie fürchten, sofort mit Ratschlägen überhäuft zu werden.  

„Zuhören“ und „auf Augenhöhe“ bedeutete an diesem Theatervormittag, Kindern einen Zwischenraum zu gewähren, in dem sie sich öffnen können. Eine Leerstelle zwischen ihnen und uns Erwachsenen zu schaffen, die sie selbst ausfüllen dürfen. Ihnen das Gefühl geben: „Du zählst, nicht ich. Was du sagst, ist mir wichtig. Ich höre dir zu, ohne dich gleich belehren zu wollen. Auch ich kann von dir lernen. Und wenn du es mir erlaubst, helfe ich dir gerne. Zum Beispiel, wenn sich die Welt für dich einmal nicht ‚gut‘ anfühlt. Dann kannst du mir sagen, wie ich dir am besten helfen kann.“

Zum Weiterlesen:

Claus Koch. Das Recht des Kindes, unglücklich zu sein. Herder Verlag 2023

Von Kindern lernen. Hört den Jungen zu. Von Gilda Sahebi. https://taz.de/Von-Kindern-lernen/!6206974/

Claus Koch

Dr. phil. (Psychologie), Diplompsychologe. Bis Juli 2015 Verlagsleiter für den Bereich Sachbuch und Elternratgeber beim Beltz Verlag in Weinheim. 2015 gründete er zusammen Udo Baer das „Pädagogische Institut Berlin“ (PIB). Jahrelange wissenschaftliche Tätigkeit mit dem Schwerpunkt Entwicklungspsychologie des Kindes und Jugendlichen unter psychoanalytischen und bindungstheoretischen Gesichtspunkten, u.a. mit einem Lehrauftrag an der Universität Bielefeld. Publizist und Autor. Zahlreiche Vorträge, Buchveröffentlichungen und Artikel in Fachzeitschriften. Vorstandsmitglied des „Archiv der Zukunft“ (AdZ).

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