Einen Namen haben

von Claus Koch

Sechzehn Erstklässler sitzen an verschiedenen Tischen vor ihr. Die meisten von ihnen haben nach einigen Wochen bereits Vertrauen in sie und ihre neue Umgebung gefasst. Der Unterricht mit ihnen macht ihr Freude und sie hat den Eindruck, dass auch die Kinder in ihren allersten Schulwochen Spaß mit ihr und am gemeinsamen Lernen haben. Schon nach wenigen Tagen konnte sie die Namensschilder von ihren Tischen einsammeln, jetzt kannte sie jedes Kind schon bei seinem Vornamen. Hatte sie einen vergessen, halfen ihr die Kinder, ihn wiederzufinden. Das war allen wichtig. Dass ihre Lehrerin ihre Namen wusste, gab den Kindern das Gefühl, in der Schule angekommen und sichtbar zu sein. Gebraucht zu werden für das, was die Schule mit ihnen vorhatte. Dafür gaben sich alle Kinder große Mühe. Mit der Zeit kannte sie „ihre Kinder“ nicht nur beim Vornamen, sondern auch ihre ganz persönlichen Eigenheiten. Da waren die mutigen unter ihnen, die immer wieder einmal dazwischenriefen oder die eher zurückhaltenden, die sich nur zögernd meldeten. Aber alle waren sie wissbegierig und stolz, wenn sie eine ihrer Fragen, egal ob richtig oder falsch, beantworten konnten. Zwei der Kinder wirkten manchmal ein wenig wie abwesend, das war ihr gleich aufgefallen. Sie wichen ihrem Blick aus, fingen an zu weinen, wenn sie etwas nicht wussten oder redeten so leise, dass man sie kaum verstehen konnte. Oder eines schlug plötzlich wild um sich. Um die würde sie sich besonders kümmern müssen.  

Kinder betreten beim Schulanfang eine neue Welt. Alle von ihnen wollen auch an diesem Ort, so wie sie sind, wahrgenommen werden. Der Vorname spielt dabei eine wichtige Rolle. Jedes Kind weiß, wenn es bei seinem Namen aufgerufen wird, dass nur es gemeint ist und niemand anderes. Das kannten sie schon von früher, wenn ihre Eltern sie mit ihrem Namen ansprachen, sie dabei in ihre Arme nahmen und zärtliche Worte mit ihnen austauschten.  Egal in welchem Zusammenhang, immer waren nur sie gemeint. Angenommen und wahrgenommen zu werden hat insofern viel mit dem eigenen Namen zu tun. Selbst Erwachsene fühlen sich pikiert, wenn Bekannte oder Vorgesetzte ihren Namen vergessen haben, sogar, wenn man ihn nur leicht falschschreibt. Insofern ist der (Vor)Name auch in der Schule wichtig, ebenso die Tonlage, in der er ausgesprochen wird. Freundlich, zugewandt und liebevoll, oder streng und schneidend, solange, bis es weh tut, als hätte man sich mit einem Messer selbst verletzt.

PS.: Unser Blog „KinderWürde“ geht in die Sommerpause. Mitte September melden wir uns wieder zurück.

Claus Koch

Dr. phil. (Psychologie), Diplompsychologe. Bis Juli 2015 Verlagsleiter für den Bereich Sachbuch und Elternratgeber beim Beltz Verlag in Weinheim. 2015 gründete er zusammen Udo Baer das „Pädagogische Institut Berlin“ (PIB). Jahrelange wissenschaftliche Tätigkeit mit dem Schwerpunkt Entwicklungspsychologie des Kindes und Jugendlichen unter psychoanalytischen und bindungstheoretischen Gesichtspunkten, u.a. mit einem Lehrauftrag an der Universität Bielefeld. Publizist und Autor. Zahlreiche Vorträge, Buchveröffentlichungen und Artikel in Fachzeitschriften. Vorstandsmitglied des „Archiv der Zukunft“ (AdZ).

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