„Die Katze in eine Maus verwandeln“ – Spiel und Poesie im Krieg

Ein Freund, der während des Bürgerkriegs in Syrien dort zusammen mit anderen Helfern Spielplätze gebaut hat, erzählte mir bei seiner Rückkehr, wie die Kinder, wenn sie sich einander zu fangen versuchten, sich voreinander versteckten, schaukelten, kletterten oder in einem Labyrinth verschwanden, lachten und strahlten, und es schien, als würden sie inmitten der Trümmer und zerborstenen Mauern neuen Lebensmut finden. Auch wenn wir selbst solche Bilder aus Kriegsreportagen kennen, muten sie auf den ersten Blick dennoch fremd, fast verstörend an. Wie kann es sein, dass Kinder, egal welchen Alters, die häufig ihre engsten Angehörigen verloren haben, traumatisiert sind von dem Geräusch niedergehender Raketen und dem Zischen von Drohnen über ihren Köpfen, noch spielen können und ja, sich dabei sogar vergnügen?

Gerade Kinder können sich und ihre Umgebung im Spiel völlig vergessen. Sie schaffen sich, wie die Fachleute sagen, dort Möglichkeits- oder Intermediärräume, Zwischenräume und Zwischenwelten, in denen sie für kurze Zeit verschwinden und ganz in ihnen aufgehen. In diesem Moment fühlen sie sich sicher und geborgen, weil sie alles um sich herum vergessen, ihre Ängste, ihr Erschrecken, die Minen, den Tod – das Spiel bringt ihnen für kurze Zeit ein Stück Normalität in ihr Leben zurück. Unabhängig von ihrem jeweiligen Schicksal werden sie für einen Moment zu spielenden Kindern, wie wir sie überall auf der Welt finden.

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Amal ist elf Jahre alt. Das Mädchen verbrachte die frühe Kindheit im umkämpften syrischen Homs. Als Siebenjährige floh sie 2014 mit ihrer Familie in den Libanon und lebt dort in einem Flüchtlingscamp – in Armut und ständig neuer Bedrohung. Die Kinderhilfsorganisation „Save the Children“ hat mir vor einiger Zeit diese Zeilen aus einem Gespräch mit ihr zukommen lassen, die mich sehr berührt haben. Sie zeigen, wie selbst in Kriegszeiten Wünsche und Träume einem Mädchen helfen können, die Zuversicht auf ein würdiges Leben für sich und andere nicht zu verlieren. Das Interview erinnert mehr an ein Gedicht, an die Ode an ein glückliches Leben, auch wenn es im Moment so unerreichbar erscheint:

„Gehst du hier gern in die Schule?“ – „Ich gehe gern, weil ich lernen mag.“ – „Was möchtest du werden?“ – „Lehrerin.“ – „Was machst du sonst gern?“ – „Ich male gern.“ – „Was malst du?“ – „Haus, Garten, Tiere. Zum Beispiel einen Vogel und eine Kuh.“ – „Warum den Vogel?“ – „Weil er fliegen kann.“ – „Und was wünscht du dir?“ – „Magie.“ – „Warum?“ – „Dann kann man bekommen, was man will.“ – „Was würdest du dann machen? Gibst du mir ein Beispiel?“ – „Eine Katze in eine Maus verwandeln.“  

Claus Koch

Dr. phil. (Psychologie), Diplompsychologe. Bis Juli 2015 Verlagsleiter für den Bereich Sachbuch und Elternratgeber beim Beltz Verlag in Weinheim. 2015 gründete er zusammen Udo Baer das „Pädagogische Institut Berlin“ (PIB). Jahrelange wissenschaftliche Tätigkeit mit dem Schwerpunkt Entwicklungspsychologie des Kindes und Jugendlichen unter psychoanalytischen und bindungstheoretischen Gesichtspunkten, u.a. mit einem Lehrauftrag an der Universität Bielefeld. Publizist und Autor. Zahlreiche Vorträge, Buchveröffentlichungen und Artikel in Fachzeitschriften. Vorstandsmitglied des „Archiv der Zukunft“ (AdZ).

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